15:22 · 28. Juli 2026

Der Kaffeemarkt im Würgegriff von Wetter und leeren Lagern: Das Paradoxon der Rekordernte in Brasilien

Börse Aktuell: Kaffeepreis steigt trotz Rekordernte in Brasilien
Das Wichtigste in Kürze
Das Wichtigste in Kürze
  • Börse aktuell: Der Kaffeepreis steigt trotz erwarteter Rekordernte in Brasilien deutlich an.
  • Historisch niedrige ICE-Lagerbestände und wetterbedingte Ernteverzögerungen sorgen kurzfristig für Angebotsknappheit.
  • Die Zone zwischen 350 und 360 US-Cent je Pfund entscheidet über den weiteren Trend beim Kaffeepreis.

Der Kaffeepreis hat seit Jahresbeginn zwar einen Teil seiner Gewinne abgegeben, doch in den vergangenen Wochen hat sich das Bild deutlich verändert. Besonders in den letzten Handelstagen zeigte sich eine außergewöhnlich starke Aufwärtsdynamik: Arabica-Futures legten innerhalb von nur zwei Handelssitzungen um fast 10% zu. Auf den ersten Blick erscheint diese Entwicklung überraschend, da für Brasilien weiterhin eine außergewöhnlich große Kaffeeernte erwartet wird. Die aktuelle Marktbewegung zeigt jedoch, dass an der Börse aktuell vor allem die kurzfristige Verfügbarkeit des Rohstoffs und nicht die langfristigen Produktionsprognosen den Preis bestimmen.

Kaffeepreis mit kräftiger Erholung im Monatsvergleich

Der Kaffeepreis gehört in den vergangenen 30 Tagen zu den stärksten Gewinnern unter den Rohstoffen. Ausschlaggebend sind kurzfristige Angebotsengpässe, die den Markt deutlich stärker beeinflussen als die Aussicht auf eine hohe Produktion in den kommenden Monaten.

Aus Sicht der letzten 30 Tage verzeichnet Kaffee einen sehr starken Anstieg. Quelle: XTB

Rekordernte in Brasilien - aber das Angebot bleibt knapp

Die Prognose des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA), wonach Brasilien mehr als 70 Millionen Säcke Kaffee produzieren könnte, bleibt grundsätzlich bestehen. Dennoch unterscheiden sich langfristige Fundamentaldaten erheblich von der aktuellen physischen Versorgungslage. Der wichtigste Belastungsfaktor ist das Wetter. Im Bundesstaat Minas Gerais, dem wichtigsten Anbaugebiet für Arabica-Kaffee, fielen innerhalb einer Woche mehr als 32 Millimeter Niederschlag - rund 2.700% des historischen Durchschnitts für diesen Zeitraum. Die starken Regenfälle erschweren die Ernte erheblich und verzögern zudem das Trocknen sowie den Transport der Bohnen.

Hinzu kommt, dass andere Institutionen wie die brasilianische CONAB weiterhin deutlich niedrigere Ernteprognosen als das USDA veröffentlichen. Marktbeobachter rechnen außerdem mit Qualitätsproblemen bei der Ernte. Zwar dürfte ausreichend Kaffee produziert werden, jedoch könnte ein größerer Anteil nicht den Qualitätsanforderungen für die Einlagerung an der ICE-Börse entsprechen.

Historisch niedrige Lagerbestände treiben den Kaffeepreis

Die verzögerten Lieferungen treffen auf außergewöhnlich niedrige Lagerbestände. Die von der ICE überwachten zertifizierten Arabica-Bestände verzeichneten zuletzt den stärksten Tagesrückgang seit Anfang 2025. Innerhalb von 25 aufeinanderfolgenden Handelstagen gingen die Lagerbestände insgesamt um rund 26% zurück. Damit nähern sich die Reserven wieder Niveaus, die zuletzt Ende der 1990er-Jahre beziehungsweise Anfang der 2000er-Jahre erreicht wurden. Die Bestände liegen inzwischen unter 300.000 Säcken und zählen damit zu den niedrigsten Werten der vergangenen Jahrzehnte.

Zusätzlich belasten die anhaltenden Spannungen im Roten Meer den globalen Kaffeehandel. Längere Transportzeiten, höhere Frachtkosten und größere Sicherheitsbestände verzögern die Versorgung wichtiger Absatzmärkte zusätzlich.

Die von der ICE erfassten Aktienkurse sind auf den tiefsten Stand seit der Jahreswende 2023/2024 gefallen, der wiederum den tiefsten Stand seit den 90er Jahren darstellt. All dies geschieht trotz der erwarteten Rekordernte in Brasilien. Quelle: Bloomberg Finance LP, XTB

Backwardation signalisiert akute Angebotsknappheit

Ein weiterer Hinweis auf die angespannte Lage liefert die Terminstruktur am Kaffeemarkt. Der Preisunterschied zwischen den September- und Dezember-Kontrakten hat sich auf mehr als 24 US-Cent je Pfund ausgeweitet und damit ein Rekordniveau erreicht.

Diese ausgeprägte Backwardation zeigt, dass Käufer derzeit bereit sind, erhebliche Preisaufschläge für eine sofortige Lieferung zu bezahlen. Gleichzeitig werden länger laufende Futures deutlich niedriger gehandelt, was darauf hindeutet, dass der Markt mittelfristig wieder mit einer besseren Versorgung rechnet.

Die Terminkurve für Kaffee deutet weiterhin darauf hin, dass das Problem im kurzfristigen Angebot liegt, während für die Zukunft eine höhere Kaffeeproduktion erwartet wird. Quelle: Bloomberg Finance LP

Ist der aktuelle Anstieg des Kaffeepreises nachhaltig?

Die jüngste Rally ist vor allem auf kurzfristige Angebotsängste zurückzuführen. Gleichzeitig bleibt die Wetterentwicklung ein bedeutender Unsicherheitsfaktor. Das El-Niño-Phänomen sorgt häufig für überdurchschnittliche Niederschläge in Südamerika und Trockenheit in Teilen Südostasiens. Dadurch könnten sich die logistischen Probleme in Brasilien verschärfen, während gleichzeitig die Produktion in anderen wichtigen Anbaugebieten unter Druck gerät.

Dennoch erwartet der Terminmarkt derzeit keine dauerhaft angespannte Versorgung. Sollte die Rekordernte in Brasilien wie erwartet auf den Weltmarkt gelangen und die Lagerbestände wieder steigen, könnte der Kaffeepreis im weiteren Jahresverlauf unter Druck geraten.

Technische Analyse: Wichtige Marke bei 350 bis 360 US-Cent

Aus charttechnischer Sicht testet der Kaffeepreis aktuell den Bereich zwischen 350 und 360 US-Cent je Pfund. Ein nachhaltiger Ausbruch über diese Zone könnte den Weg in Richtung 400 US-Cent und möglicherweise zu neuen Rekordständen eröffnen. Sollte sich dagegen bestätigen, dass Brasiliens Ernte tatsächlich außergewöhnlich hoch ausfällt und die Versorgungslage sich entspannt, wäre auch eine Rückkehr in Richtung 300 US-Cent je Pfund denkbar. Interessant ist dabei, dass die aktuelle Forward-Kurve ein solches Preisniveau erst für März 2028 einpreist.

Coffee Prognose im Tageschart

Quelle: XTB Investment Plattform, aufgenommen am 28.07.2026. Zeithistorie gemäß der Information direkt im Chart. Vergangene Ergebnisse sind kein Indikator für zukünftige Performance. Das Handelsinstrument notiert in USD. Mögliche Währungsschwankungen können sich auf die Rendite auswirken.

Experten Fazit

An der Börse aktuell steht der Kaffeepreis im Spannungsfeld zwischen einer erwarteten Rekordernte und einer akuten Angebotsknappheit. Wetterbedingte Ernteverzögerungen, historisch niedrige Lagerbestände und anhaltende Logistikprobleme sorgen derzeit für erheblichen Preisdruck nach oben.

Ob sich daraus ein langfristiger Aufwärtstrend entwickelt, hängt maßgeblich davon ab, wie schnell die brasilianische Ernte tatsächlich auf den Weltmarkt gelangt und ob sich die Lagerbestände in den kommenden Monaten wieder erholen.

 

Michał Stajniak, CFA

Stellvertretender Leiter der XTB-Forschungsabteilung

Rohstoffmarktanalyst

michal.stajniak@xtb.pl

 

 

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FAQ

Warum steigt der Kaffeepreis trotz Rekordernte?
Kurzfristige Lieferengpässe, niedrige Lagerbestände und wetterbedingte Ernteverzögerungen überlagern derzeit die langfristig positive Produktionsprognose.

Welche Rolle spielen die ICE-Lagerbestände?
Die Bestände befinden sich auf einem der niedrigsten Niveaus seit den späten 1990er-Jahren und verstärken die Sorge vor einer kurzfristigen Angebotsknappheit.

Welche Preiszonen sind jetzt wichtig?
Charttechnisch gilt der Bereich zwischen 350 und 360 US-Cent je Pfund als entscheidender Widerstand. Ein Ausbruch könnte weiteres Aufwärtspotenzial eröffnen.

 
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